Mit dem Entstehen und Wachsen orthodoxer Gemeinden ist die konfessionelle Landschaft Westeuropas zunehmend vielgestaltiger geworden. Die Präsenz russisch-orthodoxer Gemeinden lässt sich bis ins 19. Jh. zurückverfolgen; im 20.Jh. wuchs die russische Diaspora durch drei große Emigrationswellen (nach der Oktoberrevolution 1917, 1944 im Zweiten Weltkrieg und nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion 1991) stark an, was auch die Herausbildung diverser russisch-orthodoxer Kirchenorganisationen in Westeuropa und Nordamerika nach sich zog.
Mit deren Geschichte waren jedoch nur wenige Experten vertraut. Gerd Stricker legt nun erstmals einen konzisen und auch für Laien verständlichen Überblick über die "Geschichte der Russisch Orthodoxen Kirche in der Diaspora" vor.
Die Rahmenkapitel des aus fünf Teilen bestehenden Buches beschäftigen sich mit der Russisch Orthodoxen Auslandkirche (ROKA): Das erste Kapitel nimmt das Entstehen der ROKA und ihr Verhältnis zum Moskauer Patriarchat während der Sowjetzeit in den Blick; das fünfte Kapitel beleuchtet den schwierigen Weg zur Wiedervereinigung von Moskauer Patriarchat und Auslandskirche. Deutlich wird dabei, welch maßgebliche Rolle der damalige russische Präsident, Vladimir Putin, bei der Kirchenvereinigung gespielt hat: Erst auf seinen Druck hin fand sich das Moskauer Patriarchat zu Verhandlungen mit der ROKA bereit.
Die drei mittleren Kapitel zeigen auf eindrückliche Weise, wie Spaltungen und Kon-kurrenzkämpfe die Geschichte der russisch-orthodoxen Diaspora bestimmt haben: Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht der "Metropolitankreis Westeuropas", der sich 1926 von der Auslandskirche lossagte und sich später dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellte (das sog. Russische Erzbistum mit Sitz in Paris). Ihren eigenen Weg ging auch die "Orthodox Church in America", die immer wieder zwischen Nähe und Distanz sowohl zur ROKA als auch zum Moskauer Patriarchat schwankte; 1970 wurde sie ausschließlich vom Moskauer Patriarchat in die Autokephalie entlassen (Kap. 3).
Das vierte Kapitel ruft in Erinnerung, dass natürlich auch das Moskauer Patriarchat Gemeinden im Ausland unterhalten hat - und dass diese vor allem während des Kalten Krieges häufig als Instrument russischer Außenpolitik herhalten mussten.
Über die russisch-orthodoxe Diaspora hat Gerd Stricker auch immer wieder in G2W berichtet - eine Summe dieser seiner Forschungen stellt nun das vorliegende Buch dar, zu dem wir ihm vom G2W-Team herzlichst gratulieren!